Als Frau allein in Honduras

Als Frau allein in Honduras

Den heutigen Beitrag zur „Als Frau allein in…“ Reihe steuere ich selbst bei, da Honduras und speziell die Islas de la Bahía, meine zweite Heimat ist – und das, obwohl es Reisewarnungen vom Auswärtigen Amt gibt und dieses schöne Land in Mittelamerika auch sonst keinen besonders guten Ruf hat. Wie es dazu kam, warum ich mich auch als Frau allein in Honduras sehr wohl fühle und viele andere interessante Facts lest ihr hier:

 

Wahlheimat Honduras – leben in dem Land mit der höchsten Mordrate der Welt

RoatanAir

Als Frau allein in Honduras – Islas de la Bahía, Roatán

Leser, die hier einen schillernden Text über blaues Meer, bunte Fische, strahlenden Sonnenschein und Friede, Freude, Eierkuchen in tropischer Kulisse erwarten, werden leider enttäuscht. Dies ist ein authentischer Artikel über eine Karibikinsel in dem Land mit der höchsten Mordrate der Welt und ich rede nichts schön. Ich gebe hier meine persönlichen Eindrücke und Erfahrungen wieder, die ich in über elf Jahren Reisen in dieses Land gemacht habe – und warum ich es trotz all der negativen Seiten liebe und als meine zweite Heimat betrachte.

 

2005 hat mich das Schicksal auf seltsamen Pfaden das erste Mal nach Roatán, die größte der Islas de la Bahia, einer Inselgruppe vor Honduras, geführt und als ich damals nach knapp zwei Monaten wieder nach Deutschland flog, habe ich ein Stück meines Herzens dort gelassen. In Honduras, einem Land, für das Reisewarnungen vom Auswärtigen Amt bestehen, das für seine Kriminalität, hohe Mordrate und Drogenhandel berühmt-berüchtigt ist, in dem viel Armut herrscht und wo an manchen Orten die Zeit stehengeblieben zu sein scheint. Ich kam immer wieder zurück, mal länger, mal kürzer, besuchte meine Freunde und sah zu, wie die Insel langsam von einer Backpacker-Destination zu einer Cruiseship-Destination wurde. Ich erlebte, wie Teile des Korallenriffs weggesprengt wurden, damit die riesigen Kreuzfahrtschiffe anlegen können, wie große Resorts und hunderte Sonnenliegen den einst so unberührten West Bay Beach verunzierten und wie kalkweiße Touristen in ebenso weißen Tennissocken und Sandalen die Souvenirshops und Bars füllten. 

West End, Roatán

West End, Roatán

So wenig mir all diese Veränderungen auch gefielen, für das Land waren sie gut. Der Tourismus kam in Gang, die Insel konnte investieren in Infrastruktur, Geldautomaten, Shops, Hotels und Internetverbindung. Und natürlich profitiere auch ich davon, nicht mehr bei 30° Grad über eine Stunde im überfüllten Sammeltaxi nach Coxen Hole fahren zu müssen, nur um an den einzigen Geldautomaten der Insel zu kommen, der dann gerade mal wieder „out of service“ war. Die positivste Veränderung ist wohl die geänderte Einstellung der Honduraner zu ihrer Umwelt und Natur; es gibt mittlerweile eine relativ gut organisierte Müllabfuhr und man sieht kaum noch Müll am Straßenrand, auf Grundstücken und in den Flüssen. Natürlich ist noch Potenzial nach oben, vor allem was Mülltrennung und die vielen Plastiktüten angeht, die man bei jedem Einkauf in die Hand gedrückt kriegt, aber es ist ein Anfang.

Diesmal bin ich als digitale Nomadin mit meinem eigenen (Online) Business nach Honduras zurückgekehrt. Mango Verde vermittelt allein reisenden Frauen weltweit in Seminaren, Workshops, 1:1 Coachings und einem tollen Blog ein besseres Verständnis für die eigene, persönliche Sicherheit durch gezielten Aufbau des Selbstbewußtseins, Gewaltprävention, Situationsbewußtsein, Körpersprache und nicht zuletzt praktische Selbstverteidigung. 

 

San Pedro Sula – die tödlichste Stadt der Welt

 

Honduras und auch Roatán war viel in den Schlagzeilen in den letzten Jahren, Touristen wurden für ein wenig Geld und Handys ermordet, ganze Busse überfallen und ausgeraubt, pompöse Bars und Nachtclubs werden mit dem Geld mexikanischer Drogenkartelle erbaut und sind einzig und allein zur Geldwäsche da; Menschen verschwinden über Nacht. Das ist die Schattenseite eines armen Landes, in dem viele Menschen keine oder nur sehr wenig Bildung haben, die oft keine Perspektive für ihr Leben sehen und schnell in den stinkenden Sumpf des Drogenhandels und der Bandenkriminalität geraten. Das Auswärtige Amt warnt vor der extrem hohen Kriminalität und Gewaltbereitschaft in Honduras; war San Pedro Sula doch jahrelang die gefährlichste Stadt der Welt gemessen an der Mordrate pro Einwohnerzahl. Heute ist Caracas auf Platz 1, aber immer noch dicht gefolgt von San Pedro Sula.

 

Mordrate-Grafik

Quelle: blick.ch

Aber was macht diese Städte so gefährlich und warum sollte ich in einem Land leben wollen, wo die Wahrscheinlichkeit, beraubt, überfallen oder ermordet zu werden, relativ hoch ist? Man muss das etwas differenziert sehen, denn für die hohe Mordrate sind vor allem verfeindete Jugendbanden (Maras) verantwortlich, die fast ausschließlich nachts die Straßen unsicher machen und sich Schießereien liefern. Auf Touristen hat man es eher weniger bis gar nicht abgesehen – Ausnahmen bestätigen leider die Regel – aber wenn man sich an die Sicherheitshinweise hält, auf den Rat Einheimischer hört und es vermeidet, nachts unterwegs zu sein, ist Honduras nicht mehr oder minder gefährlich als jedes andere lateinamerikanische Land auch. Als Frau allein in Honduras fühle ich mich nicht weniger sicher als in vielen anderen Ländern und auch in meiner Heimatstadt Bremen gibt es Orte, an denen ich mich nachts allein nicht aufhalte. 

 

Public hospital Roatán

Public hospital Roatán

Die medizinische Versorgung ist sehr unterschiedlich. Große Städte wie Tegucigalpa, San Pedro Sula und auch La Ceiba haben relativ gute Krankenhäuser, auf Roatán gibt es ein öffentliches, staatliches Krankenhaus, das kein Tagegeld nimmt, aber auch nicht wirklich zu empfehlen ist. Das Personal ist absolut bemüht, keine Frage, aber gnadenlos unterbesetzt und kann der Menge an Patienten nicht Herr werden. Die Hygiene lässt sehr zu wünschen übrig, Blut an den Wänden, weder Seife noch fließendes Wasser in den Patienten-/Besucher WCs, das Personal hat oft nicht die einfachsten Utensilien wie Handschuhe oder Sterilium zur Verfügung, Medikamente und Heilmittel werden nur verschrieben, müssen aber von den Angehörigen der Patienten selbst besorgt werden.

Die privaten Krankenhäuser bieten amerikanischen/europäischen Standard, sowohl was Hygiene und Ausrüstung angeht als auch das Personal, kostet aber pro Tag ca. 500 US$ allein an Tagegeld, Medikamente nicht eingerechnet.

Das AKR (Anthony’s Key Resort) in Sandy Bay verfügt über exzellente medizinische Räumlichkeiten mit Dekompressionskammer für Taucher und guten Röntgenmöglichkeiten, sowie gut ausgebildeten (meist amerikanische) Ärzten und ist in jedem Fall – egal ob Magenverstimmung oder etwas wirklich ernstes – meine erste Empfehlung.

Auf der Flucht vor sich selbst

 

SunsetWenn man als Digitaler Nomade unterwegs ist, erfordert es ein hohes Maß an Selbstdisziplin, sich tägliche Routinen zu schaffen und diese auch einzuhalten, um wirklich produktiv und effektiv zu arbeiten. Der manchmal stundenlang auf der ganzen Insel nicht vorhandene Strom und die ausbaufähige Internetverbindung machen das Arbeiten am Laptop teilweise zu einer echten Herausforderung. Auf Roatán ist digitales Nomadentum noch ein Fremdwort und dementsprechend viele Gleichgesinnte gibt es auch, nämlich keine. Ein weiterer Punkt, der die Arbeit hier nicht einfacher macht. Dazu kommt, dass ich keinen anderen Ort kenne, an dem so viel Alkohol und Drogen konsumiert werden; wo es normal ist, nach dem Aufstehen und dem ersten Kaffee eine Dose „lebensrettendes“ Salva Vida Bier zu öffnen und dazu einen Joint zu rauchen. Die Versuchung ist groß, sich wie alle anderen auch einfach treiben zu lassen, in den Tag hineinzuleben und die Arbeit auf „mañana“ zu verschieben.

 

Der entspannte Latino-Lifestyle, die offene Art und Mentalität der Einheimischen und die Begegnungen mit Individualreisenden verschiedenster Nationalitäten machen Roatán für mich zu einem zweiten Zuhause. Wenn man die Smalltalk-Phase überstanden hat und beginnt, zum ein oder anderen eine tiefere Beziehung aufzubauen, hört man viele traurige und tragische Geschichten und man beginnt zu verstehen, warum das Leben hier auf der Insel, wo es so einfach ist, günstig an Alkohol und jegliche Art von Drogen zu kommen, auf den ersten Blick so attraktiv zu sein scheint – kann man doch alles wunderbar betäuben, was die Seele so quält. Viele der Menschen, die hier leben, laufen vor irgend etwas in ihrem Leben davon. Ich habe Geschichten gehört von Vätern, die ihre Kinder verloren haben, Menschen mit Krebs auf der Suche nach einem Wunder, gescheiterten Existenzen aus jeglichen gesellschaftlichen Schichten, die keine Kraft mehr hatten, ihr Scheitern als Chance zu sehen und neu durchzustarten, Menschen, die durch verschiedenste Umstände alles verloren haben – auch ihre Resilienz und ihren Lebensmut. Ich habe aber im Laufe der Jahre auch viele Menschen kennengelernt, die hier ihren emotionalen Tiefpunkt erreicht haben und sich nach einigen Wochen, Monaten oder auch Jahren selber aus der Krise befreit haben. Diese Menschen haben hier neuen Lebensmut gefunden, ihre Akkus für einen Neuanfang aufgeladen oder sich hier etwas eigenes aufgebaut. 

 

Die Frage nach dem Warum

 

WestBayBeach

West Bay Beach

Ich kann gar nicht sagen, warum genau ich dieses Land trotz allem so liebe. Vielleicht ist es die teilweise noch unberührte Natur mit Regenwäldern, einsamen Buchten und einer tollen Tierwelt, ein immer warmes Klima, das grandiose Korallenriff, das zu den sieben schönsten Tauchgebieten der Welt zählt und auch Schnorchlerherzen höher schlagen lässt oder die offenen, freundlichen, hilfsbereiten und überaus gastfreundlichen Einheimischen und deren entspannte Lebensweise, von der wir Europäer – und insbesondere wir peniblen, steifen Deutschen – noch eine Menge lernen können.

Vielleicht, weil ich damals so unbedarft hier angekommen bin und mich einfach völlig unvoreingenommen auf das Land, die Kultur, die Menschen, das Essen und die Lebensweise eingelassen habe. Ich war schon immer Lateinamerika-affin und habe mich auch in Costa Rica und Argentinien sehr wohl gefühlt, aber auch – oder gerade weil?- als Frau allein in Honduras und speziell auf Roatán unterwegs zu sein hat mein Herz berührt – und das erschlägt die vielen „Gegenargumente“.

 

Wer mehr Informationen zu Honduras und speziell Roatán haben möchte – besonders die Taucher unter uns werden sich hier angesprochen fühlen – kann mich jederzeit gerne hier kontaktieren.

 

Mango Verde interviewt im Rahmen der „Als Frau allein reisen“ Reihe allein reisende Frauen in allen Ländern dieser Welt. Du möchtest gern dabei sein und deine eigenen Erfahrungen, Erlebnisse und Geschichten teilen? Schreibe mir eine Email!

Habt ihr Fragen, Anregungen oder eigene Erfahrungen, die ihr gern loswerden würdet? Rein damit in die Kommentare!

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Showing 2 comments
  • Stefanie Schwarz
    Antworten

    Hallo Vivien,

    das ist wirklich ein sehr aufschlussreiches Portrait über Honduras!

    (mit der Überschrift hat der Text zwar nicht viel zu tun, aber kann ja mal passieren 😉 )

    Ich war erst Anfang des Jahres für 3 Wochen als Backpackerin in Honduras und ganz ehrlich: wenn ich davor einfach noch nie etwas über das Land gehört hätte, hätte ich mich dort nicht unsicherer gefühlt als beispielsweise in Guatemala. Und das, obwohl ich vollständig über Land gereist bin (Nicaragua – Tegus – Lago de Yojoa – La Ceiba – Roatan – Copan – Guatemala).

    Ich war auch kurz auf Roatán und fand es sehr traurig, was der Kreuzfahrtourismus dort angerichtet hat. Dass Riffe weggesprengt wurden wundert mich überhaupt nicht…. ich war mit Einheimischen schnorcheln, die wohl schon mal vor 10 Jahren in Roatán waren, und sie meinten das Riff ist völlig abgestorben und kein Vergleich mehr dazu wie es früher war :(

    Die von dir eingebundene Mordraten-Grafik zeigt allerdings Daten, die vermutlich 5 Jahre alt sind, und spiegelt nicht mehr die momentanen Verhältnisse wider. Die Rate ist in den letzten Jahren in Honduras signifikant gesunken, nur ist sowas keinem deutschen Medium eine Nachricht wert 😉 in Honduras war es am Jahresanfang in allen Zeitungen zu lesen.

    Viele Grüße,
    Steffi

    • Mangoverde
      Antworten

      Hallo Steffi,
      danke für deinen Kommentar! :-)
      Ja das stimmt, die Grafik ist leider aus 2012 und auch momentan keine aktuelle aufzutreiben – deswegen habe ich im Artikel geschrieben, dass Caracas momentan auf Platz 1 ist. Aktuell gibt es wieder vermehrt Zwischenfälle und Schießereien vor allem in Coxen Hole, was sehr traurig ist und eine enorme Polizei- und Militärpräsenz nach sich gezogen hat; das verhängte Alkoholverbot sonntags (auch in Privathaushalten) hat wohl auch nur mäßig geholfen, so dass man es wieder aufgehoben hat.
      Nichtsdestotrotz ein tolles Land!

      Viele Grüße & stay safe,
      Vivien

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