Als Frau allein in Indien

Als Frau allein in Indien

 

Wie es ist, als Frau allein in Indien zu leben und zu reisen, erzählt uns Sarah Kuhlemann von Sabaii Dii exklusiv im Interview im Rahmen der „Als Frau allein in….“-Serie.

Mit dem Hintergrund der vielen Vergewaltigungen und Gewalt gegen Frauen in den letzten Jahren wollten wir gern aus erster Hand von einer jungen Dame wissen, wie sicher es heute ist, als Frau allein durch Indien zu reisen und wie ihre persönlichen Erfahrungen und Eindrücke sind. Sarah war vor mehreren Jahren bereits schon einmal in Indien und hat uns ein paar spannende Dinge über Land, Leute, Kultur und indische Toiletten zu berichten.

 

 

Indien3Du warst vor einigen Jahren schon einmal in Indien, wie lange und was genau hast du gemacht? 

Mit 16 habe ich beschlossen einen Schüleraustausch in Indien zu machen. Von Sommer bis Winter 2002 habe ich 6 Monate in Kodaikanal in Tamil Nadu (Südindien) verbracht. Wenn wir an den Wochenenden auf Social Experience waren, d.h. Sozialarbeit in den umliegenden Dörfern und Kinderheimen unternommen haben, habe ich einen guten Eindruck von den Lebensverhältnissen außerhalb des Schulgeländes gewinnen können. Das war damals mit 16 eine sehr einprägende Zeit für mich.

 

Wie lange warst/bist Du jetzt in Indien und wie reist Du (Bus, Bahn, Taxi, privater Fahrer, Flugzeug etc)? 

Meine zweite Indienreise habe im Februar 2016 unternommen. Für einen Zeitraum von 3 Wochen bin ich zusammen mit meiner Schwester und mit meiner Mutter durch Tamil Nadu und durch Kerala gereist. Wir haben uns für diese Zeit einen privaten Fahrer und ein Auto gemietet.

 

Gab es Momente, in denen Du dich unsicher/unwohl gefühlt hast und wenn ja, wann und wo?

Ja und nein. Ja – als ich das erste Mal in Indien war, habe ich mir nach meinem Schüleraustausch noch ein bisschen was von Indien allein angeschaut. In einem Tempel in Madurai wurde ich von einem Mann angegrabscht und ich habe mit meiner Tasche um mich geschlagen. Es war spät am Nachmittag und die Gänge im Tempel waren dunkel. Da habe ich mich extrem unwohl gefühlt und ich bin dann aus dem Tempel geflüchtet. Einen weiteren Moment gab es in Kodaikanal selbst, als ich mit einer Schulfreundin um den See gejoggt bin. Danach war ich nicht mehr außerhalb des Schulgeländes joggen.

Nein – auf meiner diesjährigen Reise haben wir uns die Sehenswürdigkeiten im Hellen angeschaut und wir waren auch meistens zu zweit oder zu dritt.

 

Wie passt du dein Verhalten und deine Kleidung an?

Zu Selfies sage ich nein. Es sei denn mich fragt eine Familie oder eine Frau. Ich gebe außerdem an, ich sei verheiratet und habe Kinder. Dazu trage ich einen Ring. Im Dunkeln würde ich nie allein durch eine indische Stadt oder ein Dorf gehen. In Indien, egal wie heiß es ist, trage ich immer lange Hosen und T-Shirts, die mind. die Schultern bedecken. Westliche Frauen und Mädchen sind ein Hingucker und ich brauche das nicht mit Shorts, kurzem Rock und Top zusätzlich betonen.

Empfindest Du es generell unsicher, als Frau allein durch Indien zu reisen? Beschreibe deine Erfahrungen und Learnings

Nein. Indische Männer starren mich als westliche Frau an. Punkt. Aber es kommt auch sehr darauf an, wie selbstbewusst und stark ich auftrete. Das gilt nicht nur für Indien, das gilt für sehr viele Länder, z.B. auch Malaysia und Arabien.

Meine Learnings sind, dass ich mich an die Kultur anpasse: ich trage lange, weite Kleidung, ich sage, ich sei verheiratet, wenn mich jemand fragt und ich verhalte mich unauffällig. Trotzdem habe ich eine Bahnfahrt durch Tamil Nadu unternommen, allein mit 16 und nachts. Ich habe mir damals ein Frauen-Schlafabteil gebucht und ich habe mich sicher gefühlt. Das bedeutet, dass ich zwar vorsichtig bin, aber mir in einem Land auch nichts entgehen lasse.

 

Hast du selbst Gewalt gegenüber (indischen) Frauen beobachtet? 

Als ich 2002 in Indien war, habe ich eine Straßenszene beobachtet, wo ein Mann ein Mädchen verprügelt hat. Wie die beiden zu einander standen weiß ich nicht. In Bengalore hat ein uniformierter Mann eine Bettlerin getreten, die versuchte aus einem umzäunten Slum zu gelangen. Und die Mädchen in den besuchten Kinderheimen kamen teilweise aus sehr gewalttätigen Familienverhältnissen. Aber diese Infos habe ich von den Heimleitungen bekommen und habe dazu keine Beobachtungen gemacht. Diese drei Erinnerungen sind aus 2002. 2016 habe ich keine Gewalt gegenüber Frauen in Indien beobachtet.

 

Farbenprächtiges Indien

Farbenprächtiges Indien

Verglichen mit deinem ersten Aufenthalt in Indien, wie hat sich das Land bis heute verändert? 

Indien ist eine wachsende Wirtschaft und in den letzten 14 Jahren hat sich viel verändert: es gibt viel mehr Verkehr auf den Straßen, Menschen, die Jeanshosen tragen und ähnlich wie wir mit hängendem Kopf auf ihr Smartphone schauen. Es gibt weniger Frauen, die Wasserkrüge auf ihren Köpfen entlang der Straße tragen, weniger Ochsenkarren und ich habe dieses Mal kaum Bettler und Kranke auf der Straße gesehen. Als ich 2002 in Kodaikanal war, gab es einen Bürgersteig nur für Lepra- und Poliokranke.

Was schätzt du ganz besonders an Indien und was findest du ganz furchtbar?

Indien ist wahnsinnig groß, bunt, laut und die Menschen lächeln mich an. So sah ich Indien 2002 und so sehe ich Indien 2016. Das Land ist bunt, weil sie ihre Häuser bunt streichen und weil Frauen bunte Saris tragen. Das Land ist laut, weil einfach so viele Menschen in den Städten leben, weil die Verkehrsteilnehmer hupen und weil Musik aus den Tempeln und Moscheen dröhnt. Mir hat das damals wie heute sehr gut gefallen. Und dann natürlich die Inder selbst, die eine riesige Dienstleistungsgesellschaft bilden. Sie sind überwiegend hilfsbereit, serviceorientiert und freundlich zu Touristen – egal ob im Hotel, im Restaurant oder auf der Straße.

Furchtbar finde ich die Doppelmoral in der Religion: auf der einen Seite kleiden sich Frauen in lange Saris und vermeiden Haut zu zeigen. Auch Sexualität, Nacktheit, Flirten ist ein Tabu. Wenn man den Guides in den Tempeln zu hört, so hat doch fast jede Geschichte im Hinduismus etwas mit Sex oder Nacktheit zu tun. Es gibt Tempel wo fast alle Statuen einen erigierten Penis haben und bei den weiblichen Gottheiten ist entweder die Brust entblößt oder die Kontur ist so scharf, als wäre sie nackt. Mit der Religion kann ich daher nicht viel anfangen – trotzdem bewundere ich die Geschichte und die Menschen dieses Landes.

Welche Tipps würdest Du einer allein reisenden Frau geben, die zum ersten Mal nach Indien reist? 

Kaufe dir einen Ring, der wirklich aussieht wie ein Ehering und gebe vor, verheiratet zu sein. Trage immer lange Kleidung. Damit zeigst du Respekt vor ihrer Religion und du schützt dich gleichzeitig selbst vor Blicken und mehr. Tritt selbstbewusst auf und sprich laut und deutlich. Im Bild gesprochen: Sei immer ein Ausrufezeichen. Niemals ein Fragezeichen.

 

Ich gebe dir ein paar Schlagworte und Du sagst mir, was dir spontan dazu einfällt:

 

Rikscha fahren – erst das Ziel klären, dann den Preis verhandeln und ganz zum Schluss einsteigen. Macht auf jeden Fall Spaß. Trinkgeld nicht vergessen.

Hotpants – auf keinen Fall. Niemals. Erstens respektiere ich die Religionen (Hinduismus und Islam) in Indien, zweitens passe ich mich der Kultur an (Indische Frauen tragen lange Kleidung) und drittens mache ich mich nicht selbst zur Zielscheibe. Ein No-Go.

Handeln  (in Geschäften/auf Märkten) – mache ich in Asien immer, also auch in Indien. In „festen“ Geschäften ist das allerdings nicht gern gesehen. Ich versuche es trotzdem freundlich

Öffentliche Toiletten – sind überraschend sauber, auch die an Tankstellen sind zu empfehlen. Kleingeld und Taschentücher mitnehmen.

Essen & Magenverstimmung – ich liebe die indische Küche und hatte in Indien noch nie eine Magenverstimmung. In kleinen Restaurants esse ich gern die Spezialitäten, weil diese oft gekocht und viel bestellt werden. D.h. nichts liegt lange in der Hitze rum. Ansonsten esse ich keinen Fisch, kein rohes Fleisch und bestelle mir Getränke ohne Eis. Letzteres mache ich in Deutschland aber auch 😉

 

Herzlichen Dank an Sarah für die Beantwortung der Fragen, vielen Infos, lebhafte Schilderung der Eindrücke und das Überlassen ihrer privaten Fotos!

 

 Über Sarah

Als Frau allein in Indien - Sarah Kuhlemann

Als Frau allein in Indien – Sarah Kuhlemann

 

Sarah Kuhlemann ist 30 Jahre alt und als Digitale Nomadin gerade auf Weltreise.

Als ortsunabhängige Selbständige bietet sie auf www.sabaidii.de Texterstellung und Social Media Betreuung im Tourismus an.

 

 

 

 

 

Mango Verde interviewt im Rahmen der „Als Frau allein in….“- Reihe allein reisende Frauen in allen Ländern dieser Welt. Du möchtest gern dabei sein und deine eigenen Erfahrungen, Erlebnisse und Geschichten teilen? Schreibe mir eine Email!

 

Habt ihr Fragen, Anregungen oder eigene Erfahrungen, die ihr gern loswerden würdet? Rein damit in die Kommentare!

Recent Posts
Showing 2 comments
  • Sandra
    Antworten

    Hallo,

    sehr informativer Bericht. Ich plane schon länger eine Indien Reise mit meinem Freund.

    Vielen Dank für die wertvollen Tipps.

    LG
    Sandra

    • Mangoverde
      Antworten

      Hallo Sandra,
      danke, freut mich, dass er Dir gefällt! Wo genau soll es denn hingehen? Ich wünsche euch viel Spaß und vor allem eine sichere Reise!!
      LG Vivien

Leave a Comment


*